#Zettel Nr.2: Kultur als Beobachtung zweiter Ordnung

#Zettel Nr.2: Kultur als Beobachtung zweiter Ordnung

Heute folgt Zettel 2 aus unserer Luhmann-Reihe. Nachdem wir letzte Woche Luhmanns Kulturbegriff erörtert haben, wollen wir mit dem Begriff der ‚Beobachtung’ fortfahren. 

Unter ‚Beobachtung’ versteht Luhmann eine Operation, die in zwei Momente aufgeteilt werden kann: In ‚Unterscheidung’ und ‚Bezeichnung’.
Um überhaupt etwas beobachten zu können, muss laut Luhmann zunächst eine Unterscheidung zwischen dem aktuell Wahrgenommenen und dem generell Möglichen getroffen werden. Wenn wir zum Beispiel einen Text vor uns haben, unterscheiden wir zwischen diesem und einem möglichen Foto. Wenn wir Musik hören, unterscheiden wir diese von z. B. Verkehrslärm. Erst nach dieser Unterscheidung kann die Bezeichnung ‚Das ist ein Text’, ‚Das ist Musik’ erfolgen. 

So essentiell diese beiden Operationen für unsere Wahrnehmung sind, so problematisch sind sie in den Augen Luhmanns auch. Das Problem besteht für ihn darin, dass die Beobachtung sich im Vollzug nicht selbst beobachten kann. Sie ist sich selbst gegenüber ‚blind’. In dem Moment in dem wir unterscheiden und bezeichnen, ist uns nicht bewusst nach welchen Gesetzmäßigkeiten wir dies tun. Uns ist nicht bewusst wie wir beobachten. Luhmann definiert diese Unmöglichkeit der Selbstbeobachtung als den ‚blinden Fleck’ der Beobachtung. 

Die Erfassung des blinden Flecks erfordert Luhmann folgend eine ‚Beobachtung der Beobachtung’. Luhmann unterscheidet daher zwischen einer Beobachtung erster Ordnung und Beobachtung zweiter Ordnung.

  • Beobachtung erster Ordnung
    Gegenstand der Beobachtung: Dinge und Ereignisse der Wirklichkeit
    was beobachtet wird

  • Beobachtung zweiter Ordnung
    Gegenstand der Beobachtung: die Beobachtung erster Ordnung
    wie beobachtet wird

Für Luhmann ist Kultur eine solche Beobachtung zweiter Ordnung. Kultur beobachtet, wie etwas von der Beobachtung erster Ordnung beobachtet wird. 
Mit der Frage, wie eine solche Beobachtung zweiter Ordnung sichtbar werden kann, wollen wir uns nächste Woche beschäftigen. 

Mehr Beispiele und Erläuterungen zur Beobachtung zweiter Ordnung findet Ihr auch bei Luhmann selbst oder in der Forschungsliteratur:

Niklas Luhmann
- Einführung in die Systemtheorie. Hrsg. v. Dirk Baecker. Heidelberg: Carl Auer 2011. S. 140.
- Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999. S. 99.

Forschung

  • Mario Grizelj: Operation und Beobachtung. In: Luhmann Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. v. Oliver Jahraus u. Armin Nassehi u.a. Stuttgart: Metzler Verlag. S. 107-110. 
  • Günter Schulte: Der blinde Fleck in Luhmanns Systemtheorie. Frankfurt am Main: Lit Verlag 1993. 
  • Susanne Lüdemann: Beobachtungsverhältnisse. Zur (Kunst-)Geschichte der Beobachtung zweiter Ordnung. In: Widerstände der Systemtheorie. Kulturtheoretische Analysen zum Werk von Niklas Luhmann. Hrsg. v. Albrecht Koschorke u. Cornelia Vismann. Berlin: Akademie Verlag 1999. S. 63-77.

​Foto: "Birders at Caerlaverock", 2007 (commons.wikimedia.org, CC BY 2.5