#Zettel Nr.1: Luhmann und die Frage nach der Kultur

#Zettel Nr.1: Luhmann und die Frage nach der Kultur

Heute wollen wir euch einführend Luhmann und sein ‚etwas anderes‘ Kulturverständnis präsentieren. 

Niklas Luhmann (*1927 Lüneburg, † 1998 Oerlingshausen) war ein deutscher Soziologe und Gesellschaftstheoretiker, dessen Systemtheorie entscheidend unser Denken von der Gesellschaft beeinflusst hat. Zum Antritt seiner Lehrtätigkeit an der Universität Bielefeld im Jahr 1969 bringt Luhmann seine eigene Forschungstätigkeit leicht ironisch auf die Formel:
„Theorie der Gesellschaft; Laufzeit 30 Jahre; Kosten: keine.“

Sein gesamtes Werk verschrieb er dem Ziel einer vollständigen ‚Theorie der Gesellschaft’. Dabei kommt er nicht nur zu den scheinbar paradoxen und provozierenden Aussagen wie „Mehr Demokratie führt zu mehr Bürokratie“ oder „Liebe ist kein Gefühl“, sondern bezeichnet auch den Begriff ‚Kultur‘ als einen der „schlimmsten Begriffe, die je gebildet worden sind.“
Ein wirklicher ‚Kulturfan‘ war Luhmann nicht gerade. Doch was versteht er unter ‚Kultur’ und woraus resultiert sein Unbehagen?

Für Luhmann stellt Kultur ein Ergebnis der gesellschaftlichen Umbrüche, wie der Industrialisierung und der Französischen Revolution, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dar. Erst mit diesen Ereignissen beginnt die Gesellschaft, über sich selbst nachzudenken. Luhmanns Vorstellung einer gesellschaftlichen Selbstbeschreibung geht einher mit unserem alltäglichen Verständnis von Selbstreflexion.
Durch Beobachtungen und Vergleiche gewinnt die Gesellschaft ein Bild von sich selbst. Zur Veranschaulichung bringt Luhmann folgendes Beispiel: „Töpfe sind einerseits Töpfe, zum anderen aber auch Anzeichen einer bestimmten Kultur, die sich durch die Art ihrer Töpfe von anderen unterscheidet.“ Im Zentrum seines Kulturbegriffs steht daher nicht eine Sammlung von Symbolen oder Werten, sondern vielmehr die vergleichende und beobachtende Funktion der Kultur. 

Wie Kultur bei Luhmann die Gesellschaft beobachtet, wollen wir beim nächsten Mal betrachten. 

Noch nicht genug? - Zitate und alles zum Nachlesen findet ihr in folgenden Luhmann Werken:
Niklas Luhmann: 
- Kultur als historischer Begriff. In: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 4. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995. S. 31-55.
- Die Gesellschaft der Gesellschaft. Bd. 1 + 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997.
- Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003