#Digitization Teil 4 Keynotebericht: Das Selbst und das Selfie

#Digitization Teil 4 Keynotebericht: Das Selbst und das Selfie

Zum Einstieg in die wohl während der #Digitization Konferenz in Hamburg meistzitierte Keynote erzählt der indisch-stämmige Nishant Shaw eine Geschichte von sich selbst - darüber, warum er bei Google unsichtbar ist, keine Bilder von sich im Netz veröffentlicht und nur noch unter Pseudonym twittert. Ihm ist nämlich schon einmal passiert, wovor es so vielen Usern graut, jemand hat seine Identität geklaut und mit seinem Bild und seinem Lebenslauf auf Twitter den Account des “wahren” Nishant Shaw eröffnet. Was tut also der aufgeklärte Nutzer? Er meldet den ganzen Schmu bei Twitter, worauf er aufgefordert wird, seine Identität zu bestätigen, indem er eine Kopie seines Personalausweises übermittelt. Digital natürlich. Mit einer schier unendlich erscheinenden ironisch-humorvollen Mentalität berichtet er lächelnd davon, was er als die einzig wirkungsvolle Methode im digitalen Zeitalter hält: Die Leute persönlich ansprechen. Zum Glück hatte er einen Freund, der bei Twitter arbeitete und der bestätigen konnte, dass er tatsächlich er selbst sei. Eine Geschichte, die uns ein Stückchen weiter zu dem bringt, was eigentlich ein Individuum ausmacht, ganz abgesehen von Abbildern, Daten und Dokumenten. Doch dieser Einstieg ist natürlich bewusst als Kontrast zu dem gewählt, wie Menschen tagtäglich im digitale Raum mit ihrem Selbstbild umgehen und wie die scheinbare Offenheit der Selfiekultur eigentlich die Menschen eher verschwinden lässt, als dass sie sie zeigt.

Vom Selbstporträt zum Selfie

Eigentlich ist es ja ein bisschen wie mit der Debatte zu Kopie und Original, über die ich letzte Woche in diesem Blog geschrieben habe - das heute sogenannte Selfie ist eigentlich nicht unbedingt eine Erfindung des digitalen Zeitalters. Wenn man ganz kleinlich sein will, so fehlt sogar eine genaue Definition des Phänomens bzw. weiß man manchmal gar nicht so genau, wie sich ein Selfie denn nun von anderen Porträts abgrenzt. Nutzt man seinen Fotoapparat mit Selbstauslöser, so würde man das wahrscheinlich als Selfie bezeichnen können, aber sobald man einen Passanten fragt eigenltich schon nicht mehr, denn dann porträtiert einen ja jemand anders. Auf dem Endprodukt sieht man aber keinen Unterschied. Oder sollte man lieber streng sein und nur das als Selfie deklarieren, was eindeutig von der Person aufgenommen wurde, die auf dem Porträt ist? Die nächste Frage ist dann, ob man das Ganze auf die digitale Kultur beschränkt, oder ob man etwas provokant auch die vielen Dürer oder van Gogh Selbstporträts der Kunstgeschichte schlicht als Selfies benennt.

So oder so kann man sich darauf einigen, dass das Bedürfnis von Menschen, sich selbst in einem Porträt zu verewigen, bereits sehr alt ist (immerhin gibt es auch einen antiken Mythos darüber, wie der junge Mann Narziss der Sucht nach dem eigenen Abbild verfällt). Die Kulturtechniken, die damit verbunden sind, ändern sich allerdings nach technischen Möglichkeiten. Und hier kommen wir jetzt zu dem zurück, was Nishant Shaw in seiner Keynote so mitreißend erläutert hat, die Technik, die uns heute zur Verfügung steht - und das ist das Neue am Selfie - steht massen- und dauerhaft zur Vefügung. Jeder kann jederzeit Bilder von sich produzieren; und nicht nur das, man kann diese Bilder auch bearbeiten und ihnen somit einen künstlerischen oder zumindest künstlichen Aspekt geben. Das Besondere des Selfies ist nach Shaw seine massenhafte Zugänglichkeit. In der Masse aber (das weiß jeder, der gerne Kriminalromane liest), wird man unsichtbar. Das Selfie ist also nicht, wie so oft gedacht, Ausdruck von Persönlichkeit, Individualität oder Kreativität der jungen Generation, nein, es ist Ausdruck eines schier unendlichen Dranges dazuzugehören und in der Masse unterzugehen - das ist zumindest die These von Nishant Shaw. Wenn man sich selbst einmal beim Surfen auf Plattformen wie Instagram beobachtet, so kann man zustimmen, dass dieser Ansatz zumindest soweit aufgeht, als dass man sehr schnell einzelne Selfies vergisst, sobald man eine Reihe davon gesehen hat. Wenn innerhalb der Selfie-Kultur mal ein Trend losgetreten wird, so weiß man oft sehr schnell nicht mehr, wo dieser seinen Ursprung hat und damit auch nicht, wer der Urheber ist. Wer weiß heute schon noch, welches DAS erste Gangnam-Video ist oder wer den Style geprägt oder gar erfunden hat. Haartsräubend ist das vor allem, wenn man, wie die Teilnehmer der #Digitization, hauptsächlich wissenschaftlich arbeitet und immer alles zitieren können möchte. Die Selfie-Kultur entzieht sich diesem Festnageln auf Quellen, Autorität hat hier nur die Gruppe oder eher die Crowd. Verantwortung trägt die gesamte Generation und damit keiner.  

Not-Selfies

Viel eindeutiger ist allerdings die ent-Individualisierungsthese, wenn es um eine Subkategorie der Selfies geht, die ich hier einmal als “Not-Selfies” bezeichnen möchte. Das sind Bilder, die alle Eigenschaften von Selfies haben, mit der einen Ausnahme, dass das Gesicht der abgebildeten Person verdeckt bleibt. Gezeigt wird also gerade nicht das, was wir am meisten mit einer Person oder dem Ausdruck von Persönlichkeit verbinden. Diese Art von Selfies können geradezu zerstörerisch gegen das eigene Selbst wirken. Oft sind sie von Teenagern erstellt und geteilt, die gemobbt werden. Oft werden ihre Gesichter von Zetteln verdeckt, die Sätze ihrer Peiniger abbilden. Das Gesicht des Teenies, Ausdruck seiner Individualität, wird also von dem Überdeckt, was andere ihm übel nachreden. Diese Form der Selfies gibt es auch als Video-Botschaften und leider sind sie nicht selten eine Art Abschiedsbrief zu einem Selbstmord also der tatsächlichen Selbstauslöschung.

Not-Selfies zeigen die bittere Kehrseite der meist positiv gemeinten Selbstdarstellung einer Fungeneration. Sie zeigen, wie die Worte anderer ein Selbstbild prägen und zerstören können. Sie zeigen, was es bedeutet, wenn man nicht Teil der Selfie-Kultur ist, in der jeder die Taten des anderen und keiner Verantwortung trägt. Die Selfie-Kultur ist viel bejubelt und viel getadelt worden, manchmal wird sie auch einfach nur nicht ernst genommen. Ob sie überhaupt etwas hervorbringt, oder ob bestimmte Phänomene nur anders, nämlich digital, präsentiert werden, wird mit Sicherheit erst soziologische Forschung beantworten können, die noch nicht abgeschlossen wurde. Doch die vielfältige Darstellung in der ersten Keynote auf der #Digitization führt auf jeden Fall dazu, dass man das Phänomen weniger leichtfertig be- oder aburteilt. Und es führt dazu, dass man für das Konzept der eigenen Plattform noch einmal ganz genau nachdenkt, wie Selfies eingebunden werden sollen.  

Wege zurück zur Personalität    

Für eFoto werden Selfies ein wichtiger Bestandteil sein, da sie die Beziehung des einzelnen Bürgers zur Stadt Hamburg ausdrücken können. Doch gerade nach der oben beschriebenen Keynote erscheint mir ein anderer Faktor sehr wichtig, der bei eFoto ohnehin großgeschrieben wird - das Erzählen von Geschichten. Ein Selfie mit einer Geschichte lässt sich nicht so schnell konsumieren wie ein Bild allein. Es geht nicht so schnell in der Masse unter. Es regt im besten Falle sogar dazu an, eine Unterhaltung zu beginnen und vielleicht führt das Ganze dazu, dass eine persönliche Beziehung zwischen der abgebildeten und betrachtenden Person entstehen. Geschichten können tiefer gehen und dem Bild ein Stückchen Persönlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes einschreiben. Indem wir Selfies auf eFoto zusammen mit Geschichten präsentieren, bleiben wir zwar zunächst auch im Digitalen verhaftet, gehen aber ein Stück weiter weg von Selbstdarstellung und hin zur Persönlichkeitsdarstellung. Und wer weiß, vielleicht erreichen wir dadurch auch, dass mehr reale, persönliche Gespräche jenseits der Virtualität entstehen.

Dies ist Artikel 4 einer Serie zur #Digitization Konferenz in Hamburg. Hier geht es zu den Teilen 1, 2 und 3. Nächste Woche Freitag geht es um das Thema digitale Kuration.