#Digitization Teil 3 Workshopbericht: Kopie und Original - eine born digital Debatte?

#Digitization Teil 3 Workshopbericht: Kopie und Original - eine born digital Debatte?

Der zweite Workshop, den ich im Rahmen der #Digitization besucht habe, hatte eine höchst aktuelle Debatte zum Thema - die über Originale und Kopien. Auch für eFoto ist dieses Thema von Brisanz, denn derzeit erwarten wir, einige redundante Bestände durch den Vergleich unterschiedlicher Archive aufzuspüren. Aber ist wirklich jede Kopie nur eine Kopie? Macht nicht selbst ein anderer Abzug eines Bildes, eine andere Lagerung oder eine neue Kontextualisierung einen Unterschied? Abschließend konnte der Workshop diese Fragen natürlich nicht klären, aber dafür wurde heiß darüber diskutiert, wie die Begriffe von Kopie und Original in welchen Disziplinen verstanden werden und unter welchen Umständen ein Original aus einer Kopie wird und wann nicht.

Lob der Kopie

Nicht erst seit Dirk von Gehlens populär gewordener Schrift “Lob der Kopie”, die wohl vor allem als Beitrag zur Urheberrechtsdebatte in Deustchland im Zeitalter des Internet gemeint war, gibt es einen angeregten Diskurs über den Wert des Kopierens. Unter Anderem hat sich Umberto Eco dazu geäußert (und das nicht nur, um zu verkünden, dass der Film “Im Namen der Rose” nichts mit seinem Buch zu tun habe). Es handelt sich also keineswegs um eine Debatte, die erst mit zunehmeder Digitalisierung entstanden ist, sondern um eine Diskussion, die bereits seit einigen Jahrzehnten anhält. Obwohl wir für den Workshop sowohl von Gehlens als auch Ecos Text vorbereiten sollten, blieben wir tatsächlich länger bei dem Älteren hängen. Da war von der Insiderfreude die Rede, die aufkommt, wenn E.T. plötzlich einen Außerirdischen aus einem anderen Film trifft oder vom Prinzip der Serie oder dem sich ständig selbst kopierenden Columbo. Dabei lobt Eco genau das, was sich die Popkultur eben schon seit Jahren zu eigen macht und was heute meist als Mashup bezeichnet wird. Das ist mehr als nur ein intertextueller Verweis, da werden ganze Figuren genommen und in ein neues Kunstwerk übertragen oder das Künstlerische kommt eben erst dadurch auf, dass der Zuschauer die ewige Selbstkopie zum Anlass nimmt, über das Gesamtkunstwerk nachzudenken. So versteht man dann auch, dass Eco den Film “Im Namen der Rose” nicht als Kopie, sondern als eigenes Kunstwerk betrachtet wissen möchte.

Die Kopie als Lob, als Hommage an das Original, so sieht von Gehlen sie und macht das am legendären Tor von Lionel Messi deutlich, das ein “Jahrhunderttor” von Maradonna wiederholte. Das Original wird nicht etwa ab- sondern aufgewertet, niemand wolle in so einer Situation jammern, dass das “Jahrunderttor” nun doch wohl kein solches mehr ist, sondern lieber wird man an das Original erinnert. Gleichzeitig gelangt hier ein junger Fußballer zur Meisterschaft seiner Disziplin, indem er schafft, was sein Vorbild schaffte. Und so kommen wir zu einer ganz neuen Facette der Kopie bzw. der Technik des Kopierens. Denn eine gute Fälschung bedarf der Meisterschaft, aus der Übung des Kopierens erst können eigene Stile entwickelt werden - dies zeigen uralte Kulturtechniken der Schulung von Nachwuchs in sportlichen Gebieten ebenso wie in der Malerei.    

Die Kunst des Kopierens

Und so komme ich schließlich zu dem, was für den Workshop auf der #Digitization eigentlich der Einstieg war - konkreten Beispielen aus der Kunstgeschichte. Eines war noch recht neu und zeigte eine Installation des italienischen Künstlers Giuseppe Penone auf der Dokumenta 2013. Man sieht zwei scheinbar identische Steine. Doch nur einer ist Original, der andere eine überaus exakt angefertigte Kopie aus Marmor. Die Kunst besteht darin, die Kopie so nah an das Original heranzutreiben, dass eine Unterscheidung unmöglich ist. Und natürlich kommt jedem, der seine Frankfurter Schule kennt, sofort berechtigter Zweifel an der “Aura” eines Originals, kann man dieses schließlich doch nicht mehr erkennen, wenn die perfekte Kopie daneben steht.

Auch in der Fotografie gibt es Beispiele für kopierte Originale. 1978 fotografierte die Amerikanerin Sherrie Levine Bilder von einem Ausstellungskatalog ab, der Fotografien von Walter Evans aus dem Jahre 1936 enthielt. Diese stellte sie unbearbeitet in einem Museum aus. Zu dem Zeitpunkt waren die Bilder bereits gemeinfrei und Levine konnte sie darum frei verwenden. Doch genau die mit ihrer Arbeit verbundenen Fragen nach dem Wert der Fotografie als Kunst, dem Ausstellungszusammenhang im Museum, der Beschränkung und Freigabe von Werken durch Urheberrechte und der Autorenhoheit waren es , die sie damit aufwarf. Ein faszinierendes Beispiel das gleichzeitig das Thema reflektiert und nach rund 40 Jahren Werke eines Vorgängers wieder sichtbar macht.     

Wie die Mashup Kultur die Technik des Kopierens für sich nutzt

Natürlich geht es beim kreativem Kopieren um mehr als einfach nur darum, ein Bild auf den Kopierer zu legen oder einzuscannen. Die im Workshop besprochenen Beispiele und Texte zeigen eindeutig, dass es immer einen Mehrwert des neuen Werkes geben muss und sei es nur durch die Übertragung in einen neuen Kontext oder eine neue Zeit. Es ist dieser schöpferische Umgang mit dem Kopieren als Kunst- und Kulturtechnik, die wir auch bei eFoto unterstützen wollen. Anders gesagt, alles, was das Original abwertet, ist tabu, alles, was das Original aufwertet, ist willkommen.

 

Mehr über das Thema Original und Kopie findest du in:

Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Suhrkamp 1996. ISBN: 3518100289. 7,50€.

Eco, Umberto: Innovation im Seriellen. In: Über Spiegel und andere Phänomene. DTV 2001. ISBN: 3423129247. 9,90€.

Gehlen, Dirk von: Mashup: Lob der Kopie. Suhrkamp 2011. ISBN: 3518126210. 15,00€.

 

Dies ist Artikel 3 in einer Serie zur #Digitization Konferenz in Hamburg. Hier geht es zu Teil 1 und 2. Nächste Woche Freitag geht es um das Thema Selbst und Selfie.