efoto-hamburgs wissenschaftlicher Rahmen – Teil 2 narrative Identität

efoto-hamburgs wissenschaftlicher Rahmen – Teil 2 narrative Identität

Es ist wieder Freitag und schon sind wir in Teil 2 der Artikelserie zur wissenschaftlichen Verortung des efoto Projektes. Habe ich euch letzte Woche versucht, unsere Anknüpfungspunkte an die klassische Kulturtheorie darzulegen, so möchte ich heute über einen Forschungsansatz berichten, der noch vergleichsweise neu ist. Es geht dabei um ein Konglomerat aus Erzähltheorie, Psychologie, Philosophie und Sozialforschung. Kern der Theorie ist die Annahme, dass Identität ein Konstrukt ist, dass durch Erzählen entsteht. Eine Idee, die uns nicht nur persönlich fasziniert, sondern auch für efoto-hamburg zentral ist, denn anhand von Bildern lassen sich wunderbar Lebensgeschichten erzählen.

Ich erzähle, also bin ich 

Der Mensch erzählt Geschichten. Immer und überall. Vor allem aber, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten wer er eigentlich ist oder womit er sich identifiziert. Dazu gehört, dass er das, was er ist oder zu sein glaubt, in einen logischen Zusammenhang mit dem bringt, was er bisher erlebt hat. Für mich persönlich ist das beste Beispiel das Verfassen von Bewerbungen und Motivationsschreiben. Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, in der ich eine Bewerbung für einen Masterstudiengang der vergleichenden Literaturwissenschaft in Bremen schrieb. Als ich so die Gründe aufzählte, warum ich mich für geeignet hielt, ergab sich plötzlich ein Bild, das so aussah als hätte ich mein ganzes Leben nur darauf hingearbeitet, diesen Studiengang zu ergreifen. Letztendlich habe ich es dann doch nicht getan. Ich habe die Hamburger Germanistik vorgezogen, was sich letztendlich für mich als Glücksgriff entpuppt hat und - so seh ich das heute - zum Dreh- und Angelpunkt meines Wrdegangs geworden ist.

Was ich mit dieser kleinen Geschichte, diesem kleinen "Selfie" aus Worten sagen möchte? Eigentlich gleich mehrere Dinge.

1. Geschichten wie diese gehören zu unserem Alltag. Wir sind sie so gewohnt, dass sie uns kaum noch als Narrative auffallen, obwohl sie alle Grundzüge einer Geschichte haben. Es gibt einen Protagonisten (mich) eine Handlung (das Verfassen von Bewerbungsbriefen) und eine Zustandsveränderung (damals dachte ich, dieser Studiengang wäre etwas für mich, heute weiß ich es besser). Und zu allem Überfluss hat das ganze auch noch ein Happy End - herrlich.

2. Wir identifizieren uns und andere mit solch kleinen Geschichten. Ihr werdet jetzt vielleicht über mich als diejenige denken, die sich einmal in Bremen beworben hat und der schönsten Stadt der Welt dann doch noch treu geblieben ist.

3. Durch das Erzählen von Geschichten erkennen oder definieren wir Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, die unser Leben bestimmen. Meine Entscheidung, nicht nach Bremen zu gehen, wird zum Ausschlag gebenden Faktor für meine derzeitige Zufriedenheit.

Manch einer wie Jonathan Gottschall z.B. meint sogar, dass das Erzählen von Geschichten uns überhaupt erst zu Menschen macht (dargelegt in seiner kurzweiligen Abhandlung "The Storytelling Animal"). Ein anderer großer Vertreter der psychologischen Macht der Geschichten ist Oliver Sachs - jeder, der es einmal gelesen hat, wird sich noch lange an seine Erzählung von dem Mann erinnnern, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Sachs erzählt uns zwar nicht seine eigene Geschichte, ordnet aber die Erzählungen seiner Patienten so an, dass sie ein klares Persönlichkeitsbild (inklusive neuronaler Störungen) ergeben. Der ebenfalls aus der Psychologie kommende Jerome Bruner macht sogar eine noch engere Verbindung zwischen literarischem Erzählen und Wahrnehmung des Alltags auf, indem er feststellt, dass jegliche Welt - fiktiv oder real - auf narrative Weise verstanden wird. Unser Beiratsmitglied Alexandra Georgakopoulou hat viele identifikatorische Narrative - wie die kurze Episode, die ich euch oben erzählt habe - untersucht und gefunden, dass es genau solche kleinen Geschichten (sie nennt sie Small Stories) sind, mit denen Menschen sich im Alltag positionieren und ihre Identität erschaffen. 

Natürlich gibt es auch Gegenstimmen, die behaupten, selber gar nichts zu narrativieren, aber die möchten wir mit efoto gerne mit der Frage konfrontieren: Wieso eigentlich nicht, es macht doch solchen Spaß?

Identitätskonstruktion in den sozialen Medien

Wie viel Spaß es uns und anderen bringt, Geschichten über sich selbst zu erzählen oder von anderen zu lesen, sehen wir im stetig anwachsender Umgang mit sozialen Medien. Wirft man einen genaueren Blick darauf, was so geteilt und gepostet wird, so erkennt man schnell, dass viele Einträge dazu beitragen, dem Nutzer eine narrative Identität zu geben. Spätestens seit der Umstrukturierung der Facebook-Wall zu einer Chronik ist auch die Umsetzung der narrativen Struktur für Lebensereignisse als Aneinaderreihung wichtiger Ereignisse omnipräsent. Man muss nicht lange herumrätseln, um festzustellen, dass Viele in den sozialen Netzwerken sich und der Außenwelt eine Identität präsentieren, die man als zeitlich verknüpfte Collage aus einzelnen Ereignissen, Bildern, kulturellen Gütern & relevanten Informationen beschreiben könnte.

Wie mit efoto Identität geschaffen werden kann

Das efoto Projekt setzt nun in dreifacher Hinsicht an dieser Theorie an. Zunächst einmal können die Bilder der Datenbank auf individuelle Weise dazu genutzt werden, die eigene Lebensgeschichte anzureichern. Ein Bild des Elbstrandes aus dem Jahr 1957 z.B. kann durch die Geschichte einer Familie ergänzt werden, die bereits damals und noch heute in Övelgönne wohnt. Eigene Bilder der Familie können zeigen, dass damals beim Picknick vielleicht Petticoat und Kopftuch angesagt waren, während heute robuste Jeans und Spaghettiträger die Freizeitmode dominieren.

Und damit wären wir auch schon beim zweiten Aspekt narrativer Identität, den efoto-hamburg aufgreift. Die von Institutionen oder Privatpersonen eingebrachten Bilder können nicht nur individuelle sondern auch Gruppenidentitäten zeigen. Während einige die Insignien ihrer Swingjugend wiederentdecken, halten andere vielleicht eine jugendliche Emophase für die Nachwelt fest.

Zu guter Letzt möchten wir mit efoto-hamburg erreichen, dass alle, die sich der Stadt verbunden fühlen auch die Identität dieser Metropole mitprägen. Denn mit jeder Einzelgeschichte, die auf der Plattform erzählt wird, wird auch ein Teil zur Gesamtwahrnehmung der Stadt, in der wir wohnen, beigetragen.

Das klingt alles zu theoretisch und abgehoben? Probiere es selbst aus und trage deine Stadtbilder zu unserem Stadtbild bei. Wenn du damit nicht bis zur Fertigstellung der efoto Datenbank warten möchtest, nutze dafür gerne unseren Twitter Channel und den #efotohamburg