Efoto-hamburgs wissenschaftlicher Rahmen – Teil 1 Kulturtheorie

Efoto-hamburgs wissenschaftlicher Rahmen – Teil 1 Kulturtheorie

Eine der häufigsten Fragen, die mir im Zusammenhang mit dem efoto-hamburg Projekt gestellt werden, ist, wie es dazu kommen konnte, dass die wissenschaftliche Begleitung am Institut für Germanistik gelandet sei. Nun, es gibt dafür viele Gründe, die ich euch gerne in einer kleinen Artikelserie genauer aufzeigen möchte. Dazu gehört zum Beispiel, dass Literaturwissenschaft auch als Kulturwissenschaft betrieben werden kann. Dazu gehört, dass wir glauben, dass Bilder Geschichten repräsentieren und zum Erzählen anregen können und dazu gehört auch und vor allem, dass am Institut für Germanistik der Universität Hamburg Digital Humanities betrieben werden. Heute geht es damit los, dass ich euch eine der fundamentalen Säulen der Projektvision näher bringe, die Kulturtheorie nach Niklas Luhmann.

Der Sache einen Sinn geben

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – kaum ein Sprichwort wird heute wohl wie dieses gelebt. Im Alltag und auf Urlaubsreisen - durch mobile Technologien machen wir viel mehr Bilder als zu Zeiten des 36-Aufnahmen Negativfilms. Nicht nur das, wir können Bilder auch instantan teilen und hinterlassen so eine Spur aus Fotos, die ziemlich genau dokumentiert, wie unser Alltag aussieht. Zurück zu dem eingangs erwähnten Sprichwort, fragt man sich also irgendwann, was eigentlich tausend Bilder sagen; oder – bleiben wir realistisch – Millionen von Bildern. Wie kann man Bilder, die von privaten Nutzern oder öffentlichen Archiven bereitgestellt werden, so aufbereiten, dass sie gesellschaftlich relevant sind und bleiben? Wir glauben, dass der beste Weg ist, sich darauf zurückzubesinnen, welchen kulturellen Wert Bilder haben. Dazu bedienen wir uns den Gedanken zur Kultur von Niklas Luhmann, da er sich auf das konzentriert hat, was gesellschaftlich wichtig ist.

Eine Kulturtheorie, die gar keine ist

Kultur, das sei ein Themenvorrat, eine Anregung zur Kommunikation. Aber Kultur sei eben auch die Manifestation dessen, was über Themen gesagt wird; die Beobachtung zweiten Grades oder einfacher ausgedrückt eine Beobachtung der Beobachtung. Obwohl Luhmann die Kultur nicht ausdrücklich hochhielt und weit davon entfernt war, eine eigene Theorie über sie aufzustellen, gibt er ihr mit diesen Ideen einen hohen Stellenwert. Kultur wird zur hinterfragenden Ebene der Gesamtgesellschaft.

Diese Sichtweise wird für efoto-hamburg zum produktiven Anreiz. Einerseits können die Bilder der efoto Datenbank als Abbildungen bestimmter Themen gesehen werden. Sie sind dann quasi schon automatisch der Anreiz zur Kommunikation. Auf der anderen Seite sagt Luhmann allerdings auch, dass kulturelle Artefakte nicht per se komminikativ seien. Es muss erst jemand etwas zu einem Kulturprodukt sagen, damit dann jemand anderes sich ebenfalls dazu positionieren kann. Erst dann ist Kommunikation erreicht. Für efoto-hamburg bedeutet dies, dass ein Bild allein gar nichts sagen kann. Es ist Aufgabe des Projektes, Fotos so aufzubereiten, dass die Initiative, etwas dazu zu sagen, schnell ergriffen wird. Das muss mehr sein als das bloße zur Verfügung stellen der Bilder und kann zum Beispiel durch einen Call-to-Action umgesetzt werden. Es liegt also bei efoto, die Fotos zu Kommunikatoren zu machen und somit zum Sprechen zu bringen.

Die Beobachtung der Beobachtung

Ist dieses Dreieck aus Artefakt+ (z.B. Call to Action), Position 1 und Position 2 allerdings erst einmal geschaffen, so ergibt sich nahezu automatisch die zweite Ebene. Denn, wer nun auf die Plattform stößt, wird gleich sehen, wie andere bereits über ein Thema sprechen und ihre Beobachtungen oder Erfahrungen kundtun. Wer neu hinzukommt, sieht also gleich, wie hier etwas beobachtet wird.  Er kann jetzt entscheiden, ob er auf der Ebene der thematischen Auseinandersetzung in die Diskussion einsteigen möchte, oder ob er lieber darüber nachdenkt, wie die Diskussion sich gerade gestaltet. Wenn er sich für Ebene 2 entscheidet, so erfüllt er im Luhmann'schen Sinne die oben kurz skizzierte zweite essentielle Besonderheit von Kultur - die der Möglichkeit zur Beobachtung der Beobachtung.

Noch Fragen? Immer heraus damit und am besten an mareike.hoeckendorff@uni-hamburg.de schicken, denn deine Fragen sind für uns die besten Anregungen.